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OPERN- UND KULTURFAHRTEN
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Rückblick
Oper „Fin de partie“ von György Kurtág
Theater Basel
Es ist schon ein besonderes Ereignis, in einem renommierten Opernhaus das Werk eines noch lebenden, just 100 Jahre alt gewordenen Komponisten (19.02.1926) kennenzulernen. Mit der Komposition seines auf Samuel Becketts Endspiel beruhenden Einakters „Fin de partie“ hatte sich Kurtág viel Zeit gelassen. In einem Brief an das Theater Basel vom 10. April 2026 schrieb er „Fin de partie ist das Ergebnis eines langen Weges, der mich seit mehr als 60 Jahren mit der Welt Samuel Becketts verbindet. Ich bin all jenen dankbar, die dieses Werk auf der Bühne zum Leben erwecken. Für mich ist dieses Stück eine Geschichte der Aufmerksamkeit, des Hörens und des Miteinander-Seins.“ Die Premiere der Oper fand 2018 in Mailand statt – dem 93. Lebensjahr des Komponisten.
Becketts berühmtes Stück des absurden Theaters (Uraufführung 1957) als zeitgenössische Oper erleben zu dürfen, erschien uns auch angesichts des erfahrenen ungarischen Komponisten spannend genug, diese Opernfahrt zum Theater Basel anzubieten. Auch wenn wir eingestehen müssen, dass uns die Kombination absolut trostloser Endzeitstimmung verbunden mit mutmaßlich schwer zugänglicher Musik schon vor dem Besuch nicht gerade heiter stimmte.
Doch die Fahrt nach Basel hat sich allemal gelohnt. David Marton (Regie) und Márton Ágh (Bühne und Kostüme) haben den Schauplatz der Handlung von einem dunklen Keller im Nirgendwo auf die Dachterrasse eines Hauses irgendwo in einer großen Stadt verlegt. Unter freiem Himmel ist vieles deponiert: Gegenstände die gealtert und nutzlos geworden sind, die sich dem Ende nähern oder eben am Ende sind. Es ist die Kulisse für die Beziehungen von vier Menschen mit ihren Erinnerungen und ihren Abhängigkeiten. Es ist die postapokalyptische Umgebung des Wartens auf das Ende, das Ende der Welt, das Ende ihres Lebens?
Hamm (Nathan Berg), blind und gelähmt, auf ein Sofa gefesselt, ist abhängig von seinem Diener Clov (Michael Borth), dem einzigen, der sich zeitweise rastlos über die Dachterrasse bewegt. Clov ist psychologisch wie existentiell abhängig von Hamm, von dem er sich lösen will. Er will nur weg, was ihm aber nicht gelingt. Bei Beckett ohne Beine in zwei Mülltonnen lebend, tauchen die Eltern von Hamm, Nell (Ursula Hesse von den Steinen) und Nagg (Ronan Caillet), in der szenischen Umsetzung der Oper immer wieder mit ihren Köpfen aus den Lumpen des Sofas auf. Alle sind voneinander abhängig. Zwischen diesen Personen entwickeln sich Dialoge, bruchstückhaft, gefüllt mit Gedanken und Gefühlen, mit Nostalgie, mit Zuneigung, Ablehnung, mit Erinnerungen an Erlebtes, mit Witz, aber auch mit Sarkasmus und Bitterkeit.
Gesungen wurde in französischer Sprache, der Sprache Becketts in seinem Drama „Endspiel“. Um tatsächlich den Sinn des Stückes zu erfassen, musste der Hörer und Zuschauer konzentriert den Übertiteln folgen. Und wenn es dann gelang, tatsächlich den Text mit den handelnden Personen und dem Bühnenbild zu verbinden und man dann Kurtágs Musik aufmerksam folgte, wurde die Aufführung ein fesselndes, wenn auch ein erwartet sehr dunkles Gesamtkunstwerk.
Kurtágs Werk, als Schweizer Erstaufführung von einem großartigen Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Gábor Káli dargeboten, war spannend und sehr akzentuiert. Einzelne Töne, aber auch präzis platzierte Pausen hatte Kurtág sicher gezielt gesetzt. Praktisch nie hörten wir das gesamte Orchester, oft nur einzelne Instrumente oder kleine Instrumentengruppen. Es war eine Musik, die dem Geschehen und der dunklen Atmosphäre eine große Spannung und auch Fülle gab. Gelegentlich tauchte am wechselnd hellen Himmel ein Vogelschwarm auf, was der Illusion eines beginnenden neuen Tages Nahrung gab: Gibt es vielleicht doch eine Zukunft?
„Fin de partie“, ganz sicher auch eine offene Frage. Für einen der Protagonisten gab es dann doch ein Ende. Clov, Hamms Diener sprang schweigend über die Brüstung in die Tiefe. Und zum Schluss dann noch eine Überraschung: Nach gut 120 Minuten erschien auf der nun stillen und unbewegten Bühne ein Kind. War dies ein Hoffnungsschimmer oder nur ein Hinweis auf ein neues Kapitel in einem ansonsten nicht enden wollenden trostlosen Spiel?
Die Atmosphäre der Oper wirkte immer düster und deprimierend. Aber wenn Kurtág mit seiner Komposition die Philosophie einer literarischen Epoche beschreiben wollte, dann ist ihm das gelungen. Und selbstverständlich auch dem gesamten Team. Oper muss nicht nur Nationalismus, Revolution, Heldentum, Moral, Leidenschaft und Intrige zeigen, Oper kann auch Spiegel einer gesellschaftlichen oder literarischen Epoche sein. Hierfür gibt es ja genügend Beispiele.
Würden wir nochmals einen Besuch wagen? Wir denken ja! Die Musik war neu, ungewohnt, aber fesselnd. Die Inszenierung war eindrucksvoll. Vielleicht müsste sogar ein zweiter Besuch dieser Oper gewagt werden, denn wir haben möglicherweise doch noch nicht alles verstanden…
Stummfilm „The Gold Rush“ von Charlie Chaplin in der Staatsoper Stuttgart
Okay, die Geschichten um jene Männer, die sich hoffnungsvoll und voller Tatendrang auf die Suche nach Wohlstand und Ansehen, nach Glück und Liebe begeben, sind hinlänglich bekannt, wobei die komödiantische Aufbereitung dieses Themas durch Charlie Chaplin (1889-1975) sicher als eine der gelungensten Umsetzungen (Uraufführung 1925) angesehen werden darf. Die eine oder der andere unter uns wird überdies wissen, dass Chaplin die Begleitmusik zu seinem Film in weiten Teilen selbst komponiert hat - wenn auch mit Anleihen bei Rimsky-Korsakows Hummelflug, Wagners „Oh, oh Du holder Abendstern“ und Tschaikowskys Dornröschen-Walzer.
Auf den ersten Blick mag es überraschen, zumindest für Donaueschinger Verhältnisse, dass mit der Aufführung eines Stummfilms in der Staatsoper Stuttgart und der erwähnten musikalischen Begleitung ein fast ausverkauftes Haus erreicht wurde – nur wenige Plätze blieben im dritten Rang frei. Dass Eltern mit ihren Kindern und Großeltern mit ihren Enkeln einen fröhlichen wie anrührenden Osterabend erleben durften, mag dann im Nachhinein eher nicht überraschen.
Umso bedauerlicher vielleicht, dass sich aus unseren Reihen nur fünf Mitglieder nebst einem Enkel bereitfanden, dieser wundervollen Idee der Staatsoper Stuttgart nachzugehen. Und - um ein wenig Neid zu schüren – wirklich ihre große Freude an diesem Ereignis hatten. Denn es war ein rundherum gelungenes, buntes, musikalisch exzellentes Osterei, das in folgenden Worten aus unserer kleinen Gruppe gipfelte: „Wundervolles großes Kino heute Abend“.
Auf jeden Fall sollte am Schluss noch erwähnt werden: Herzlichen Dank wieder einmal an die gut aufgelegten Musikerinnen und Musiker des Staatsorchester Stuttgarts unter der Leitung von Cornelius Meister. Sie alle stehen gemeinsam für die Idee, die großen Filme Charlie Chaplins ins Opernhaus mit „Livemusik als dritter Dimension“ zur Vorführung zu bringen.